Heinrich der Unartige: 01.04. bis 17.06.2012

Die Greizer Schlösser prägen bis heute unverwechselbar das Stadtbild von Greiz und zeugen von der Bedeutung als einstige Hauptstadt des Fürstentums Reuß älterer Linie.

Sie sind authentische Beispiele kleinstaatlicher Residenzarchitektur und kennzeichnen die Eigenständigkeit der Länder und Herrschaftssitze auf engstem Territorium:

Als architektonische Zitate von der Romanik bis zum Jugendstil dokumentieren die Schlösser eine vom 12. bis frühen 20. Jahrhundert bestehende eigenstaatliche Geschichte des Fürstentums.

Das Besondere an der Residenzarchitektur in Greiz ist die noch heute erhaltene Geschlossenheit des historischen Bauensembles und die einmalige Möglichkeit, diese Zeugnisse höfischer Kultur im Rahmen der Museen der Stadt Greiz authentisch zu erleben.

Einen prägenden Anteil an der Ausgestaltung der Residenzkultur in der Stadt Greiz und ihrer Umgebung hatte dabei der letzte regierende Fürst Reuss Aelterer Linie, Heinrich XXII. (1846-1902).

Auf ihn ist die Umgestaltung des Unteren Schlosses mit dem besonders prächtigen Ida-Palais, der Neubau des Mausoleums in Waldhaus, der Fürstliche Marstall sowie die Neugestaltung des Greizer Parks zu einem der schönsten englischen Landschaftsgärten Europas zurückzuführen.

Aus Anlass des 110. Todestages von Fürst Heinrich XXII. Reuss Aelterer Linie widmet sich die Sonderausstellung „Heinrich der Unartige“ in den authentischen Wohnräumen seines Residenzschlosses dem politischen Wirken dieses wohl bekanntesten Greizer Fürsten, der im 1871 gegründeten Deutschen Reich weit über die Grenzen seines kleinen Landes hinaus bekannt war.

Denn wie kein anderer Herrscher seiner Zeit fand Heinrich XXII. deutliche Worte gegen die dominierenden Strömungen und die verhängnisvollen Entwicklungen seines Zeitalters.

Er war Zeit seines Lebens ein entschiedener Gegner der Machtpolitik des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, die mit Blut und Eisen über Kronen, Staaten und internationale Friedensordnungen hinwegging.

Als konsequenter Vertreter von Recht und Gerechtigkeit, von Selbstbestimmung und ausgleichendem Föderalismus als Grundlage staatlicher Beziehungen konnte Fürst Heinrich XXII. Reuss Aelterer Linie für den vorherrschenden Nationalismus nur ein Dorn im Auge sein.

Zunehmende Militarisierung, Flottenrüstungen und Kolonialismus fanden in dem tiefreligiösen Heinrich XXII. Reuss Aelterer Linie genauso einen Kritiker, wie der zunehmende Zentralismus und die Uniformierung des neuen Deutschen Kaiserreichs.

Für die Anhänger des von Preußen dominierten Kaiserreichs war Heinrich XXII. alsbald die Inkarnation des deutschen Kleinstaates. In der satirischen preußischen Presse wurde er deshalb despektierlich als „Heinrich der Unartige“ benannt.

Und doch kennzeichnet dieser Beiname Heinrich XXII. als einen Monarchen, der sich als einer der wenigen Staatsoberhäupter im Deutschen Reich mit diplomatischen Mitteln gegen die Politik Preußens, Bismarck und des Deutschen Kaisers Wilhelm II. stellte.

Die aktuelle Sonderausstellung im Unteren Schloss von Greiz zeichnet in zehn authentischen Ausstellungsräumen durch persönliche Objekte, Briefe und Filmsequenzen ein facettenreiches Bild vom letzten regierenden Fürsten von Greiz und seiner Zeit, welches durch zeitgenössische Karikaturen in satirischen Blättern abgerundet wird. Dem Besucher wird dadurch ein Einblick in politisch motivierte Skandale, deren Personifizierung und medialer Instrumentalisierung gegeben.

Natürlich war das Fürstentum Reuß älterer Linie nur einer der zahlreichen kleinen Staaten im Deutschen Bund des 19. Jahrhunderts, aber bedenken Sie, dass in der Pluralität dieses Staatenbundes die Wurzeln des Föderalismus, der die Bundesrepublik Deutschland und Europa heute prägt, lagen.

Die kulturelle Vielfalt des Freistaats Thüringens mit seiner einzigartigen Residenzarchitektur wäre ohne diese kleinstaatlichen Strukturen nicht denkbar.

 

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