Hoher Stein

Heimat von Lieb & Finger

Hier in den Felsvorsprüngen zwischen dem Hohen Stein und der Köhlerspitze lebte um die Jahrhundertwende ein ungewöhnliches Duo: Johann Gottlieb Flach („Lieb“) und Johann Heinrich Fretzschner („Finger“). Die beiden Sonderlinge zogen es vor, in primitiven Höhlen unter einfachsten Bedingungen zu leben – abseits der Zivilisation und bewusst naturnah.

Ihr Lebensstil, der an steinzeitliche Verhältnisse erinnerte, faszinierte viele Greizer und Mylauer. An Wochenenden pilgerten Spaziergänger zu ihrem Höhlenlager, wo sich die beiden Naturmenschen bereitwillig interviewen ließen und sogar Ansichtskarten mit ihrem Bild verkauften. Ihr „Eigenheim“ bestand aus einem Felsüberhang mit ein paar einfachen Haushaltsutensilien und einer steinernen Kochstelle – ihr Leibgericht: Katzen- und Hundebraten.

Trotz ihrer rauen Lebensweise waren „Lieb“ und „Finger“ als friedliche, hilfsbereite Gelegenheitsarbeiter bekannt. Sie halfen bei Gartenarbeiten oder beim Entladen von Kohlenwagen – stets gegen eine Mahlzeit. Im Winter suchten sie Unterschlupf im Kesselhaus der Papierfabrik – geduldet von mitfühlenden Mitarbeitern. Bei Konflikten mit der Polizei zogen sie sich zeitweise in die „Venezianer-Höhle“ auf sächsischem Gebiet zurück – dort konnte sie der Irchwitzer Gendarm nicht verfolgen.